Ein Pionierprojekt für die Region Die Gründung der Molkereigenossenschaft Schaafheim im Dezember 1895 war weit mehr als eine rein wirtschaftliche Entscheidung. In einer Zeit des Umbruchs schufen Landwirte und Unternehmer ein gemeinschaftliches Fundament, das nicht nur die lokale Milchwirtschaft stärkte, sondern Schaafheim in Sachen Infrastruktur weit voranbrachte. Vom Bau eines eigenen Kraftwerks, das den Ort schneller elektrifizierte als viele benachbarte Städte, über die Errichtung einer Kundenmühle bis hin zum Aufbau eines lokalen Transportwesens mit einem Elektrofahrzeug: Die Genossenschaft agierte als visionärer Gestalter des ländlichen Raums. Auch wenn der strukturelle Wandel in der Landwirtschaft die eigene Produktion im Jahr 1982 beendete, bleibt das historische Erbe dieser Gemeinschaft als Beispiel für Mut und regionale Zusammenarbeit bis heute lebendig.
Gründung und gemeinschaftlicher Aufbau
Im Dezember 1895 trafen sich achtzehn Landwirte sowie zwei Unternehmer zur Gründung einer Molkereigenossenschaft mit Sitz in Schaafheim. Unmittelbar nach der Gründung legte die erste Generalversammlung die organisatorischen und finanziellen Grundlagen für den gemeinschaftlichen Aufbau der Genossenschaft. Bis Ende 1896 wuchs der Kreis auf 36 Stammmitglieder an, wobei ein inklusiver Zugang durch den Verzicht auf Eintrittsgelder für frühe Mitglieder geschaffen wurde.
Bemerkenswert ist dabei die Vielfalt der Beteiligten: Neben Landwirten schlossen sich bewusst auch zahlreiche Handwerksbetriebe dem Projekt an. Getrieben wurde dieser Zusammenschluss von der visionären Idee, mit einem eigenen Kraftwerk eine lokale und gemeinschaftliche Stromversorgung für die Molkerei sowie die gesamte Gemeinde Schaafheim zu realisieren. Nach der Genehmigung der Baupläne im März 1896 wurde das Projekt mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und einem starken Fokus auf lokale Wertschöpfung vorangetrieben. Die Vergabe der Maurerarbeiten sowie des Materialtransports an die eigenen Genossenschaftsmitglieder unterstreicht den gemeinschaftlichen Geist dieses Vorhabens.
Wirtschaftliches Wachstum und regionale Bedeutung
Durch die Kombination aus regionalem Handwerk und moderner Technik für Dampf- und Stromanlagen konnte die Molkerei bereits Ende 1896 ihren Betrieb aufnehmen. Damit gelang in weniger als acht Monaten ein beeindruckender Schritt von der Planung zur Realisierung einer lokalen Infrastruktur. In den ersten zwei Jahrzehnten blieb die Mitgliederzahl stabil, da die Genossenschaft bewusst auf eine starke regionale Verankerung setzte und partnerschaftlich mit benachbarten Betrieben kooperierte. Gleichzeitig gelang ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Aufstieg, wodurch die Molkerei ihre Vertriebswege schnell ausweitete und bald auch Großstädte wie Frankfurt und Wiesbaden belieferte. Kontinuierliche Investitionen in die Infrastruktur sowie erste Dividendenausschüttungen bereits 1899 belegen den florierenden Erfolg dieses gemeinschaftlichen Modells.
Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Schaafheimer Molkerei täglich bis zu 12.000 Liter Milch verarbeitet. Davon wurde lediglich ein knappes Prozent als Milch an die Verbraucher abgegeben. Der Großteil der Rohmilch wurde stattdessen zu Butter, Quark und Käse weiterverarbeitet. Die tägliche Produktionsmenge belief sich dabei auf etwa 10 Zentner Butter sowie 12 bis 15 Zentner Quark.

Visionäre Modernisierung: Die Elektrifizierung Schaafheims
Neben den üblichen administrativen Vorgängen einer Molkerei zeigt der Aktenbestand der Genossenschaft Schaafheim, dass deren Tätigkeit über die reine Milchverarbeitung hinausging. Dies belegt die wichtige Rolle, die solche Genossenschaften bei der Modernisierung des ländlichen Raums spielten. Die Molkereigenossenschaft Schaafheim betrieb ein eigenes Kraftwerk zur Stromerzeugung. Die Dampfmaschine diente primär der Eigenversorgung der Molkerei, während der Energieüberschuss an die Gemeinde abgegeben wurde.
Am 9. April 1896 leuchtete in Schaafheim die erste Glühlampe auf, womit der Ort zu den Vorreitern in der Region gehörte. Zum Vergleich: Die Landeshauptstadt Darmstadt hatte elektrisches Licht erst acht Jahre zuvor erhalten. Viele Orte im Kreis Dieburg mussten noch bis nach 1920 auf einen Anschluss warten.
Die lokale Presse lobte die professionelle Installation sowie die hohe Qualität der Anlage. Das Interesse der Bürger war enorm, sodass bereits im Mai 1896 fast 280 der insgesamt 331 Haushalte einen Anschluss beantragten. Schon 1899 überstieg die Nachfrage die Kapazitäten des Steinkohlenkraftwerks, was zur Ablehnung weiterer Anträge führte. Bis zur Einführung von Stromzählern im Jahr 1907 erfolgte die Abrechnung pauschal nach Anzahl der Glühbirnen und Brennstunden.
Die Modernisierung verlief jedoch nicht völlig reibungslos, da es Klagen gegen die Leitungsverlegung und Halteanker an Gebäuden gab. Zudem führten finanzielle Unstimmigkeiten bei der Aufnahme eines neuen Kredits schließlich im Jahr 1901 zum Rücktritt des damaligen Vorstandsvorsitzenden.
Wie viele kleine lokale Energieerzeuger wurde auch das Kraftwerk der Molkereigenossenschaft Schaafheim schließlich von einem Großversorger übernommen. Aufgrund von Kohlemangel im Jahr 1920 musste die eigene Stromerzeugung eingestellt werden, woraufhin die Genossenschaft in Absprache mit dem Gemeinderat lediglich die Verteilerfunktion für den Strom der HEAG übernahm. Im Jahr 1938 wurden die Stromversorgungsanlagen schließlich für rund 44.594 Reichsmark an die HEAG verkauft.

Vielseitigkeit: Mühle und Verkehrswesen
Um eine professionelle lokale Getreideverarbeitung zu ermöglichen, baute die Molkereigenossenschaft im Jahr 1922 eine elektrisch betriebene Kundenmühle. Die Nutzung war für alle Mitglieder verpflichtend. Ein Verstoß gegen diesen sogenannten „Mühlenbann“ konnte bis zum Ausschluss aus der Genossenschaft führen. Durch das Projekt stieg die Mitgliederzahl sprunghaft auf weit über 100 Genossen an. Nach einer organisatorischen Ausgliederung im Jahr 1939 und einer späteren erneuten Verschmelzung im Jahr 1959 wurde der Mühlenbetrieb schließlich am 2. Mai 1961 eingestellt.
Ein überraschender Geschäftsbereich der Genossenschaft war das Verkehrswesen. Neben den regelmäßigen Gütertransporten zum Bahnhof Babenhausen weitete die Molkereigenossenschaft ihre Tätigkeit auf den Transportsektor aus, um die logistische Anbindung des Ortes zu verbessern. Im Juli 1922 beschloss die Genossenschaft die Anschaffung einer elektrischen Zugmaschine für die Verbindung zwischen Schaafheim und Babenhausen. Dieses Projekt wurde von der Gemeinde finanziell mit einem Zuschuss von 60.000 Mark unterstützt, wobei die Gemeinde im Gegenzug Einsicht in die Bilanzen des Verkehrswesens erhielt. Zudem übernahm die Genossenschaft Anfang 1923 die offiziellen bahnamtlichen Rollfuhren.
Neben Gütern wurden über diesen Dienst auch Personen befördert. Die Fahrpreise spiegelten dabei die wirtschaftliche Lage der Zeit wider: Während eine Fahrt nach Babenhausen im Februar 1923 noch 50 Mark kostete, sank der Preis nach Einführung der Rentenmark auf 30 Pfennig. Der Personenverkehr wurde schließlich in den 1930er Jahren eingestellt, als die Postbusstrecken in der Region ausgebaut wurden.
Struktureller Wandel und bleibendes Erbe
Die Genossenschaft stellte 1982 ihre eigene Milchverarbeitung ein und wandelte sich zu einem Lieferbetrieb für externe Partner. Die Einstellung der Produktion spiegelt den tiefgreifenden strukturellen Wandel der Landwirtschaft seit den 1950er Jahren wider. Bleibend ist jedoch der Verdienst der Genossenschaft um die Modernisierung des Ortes.
Quellen:
Eisenbach, Ulrich: Die Molkerei Schaafheim und ihre Genossenschaft. Vortrag, gehalten am 9. März 2006 beim Heimat- und Geschichtsverein Schaafheim e. V. In: Schaafheimerisches. Informationen zur Heimatgeschichte in Schaafheim, Nr. 12, März 2006.
https://hgv-schaafheim.de/wp-content/uploads/2023/03/20110527122644_Nummer12.pdf
Kreh, Werner und Elsbeth: Schaafheim – Mosbach – Radheim – Schlierbach – wie es früher war. Schaafheim 1988.





